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‘Uni-Abschlüsse braucht kein Mensch – sie sagen nichts über späteren Berufserfolg!’

October 24, 2015

(Dear Readers, for once a blog post in German, as this concerns particularly German society:)

‚Uniabschlüsse braucht kein Mensch – laut Ernst & Young sagt der Studienabschluss nichts über späteren Erfolg im Beruf’ – dies ist ein schöner kleiner Artikel, den ich als ‚mutige selbst Betroffene ohne lückenlose Bildungskette‘ gern weiter verbreite, denn gerade die deutsche Gesellschaft braucht meiner Ansicht nach hier noch dringend eine offenere Haltung und ein weit weniger restriktives Handeln.

Daher hier exemplarisch mein eigener, eben nicht ‘lückenloser’ Bildungshintergrund in Korrelation zum beruflichen Erfolg – ich weiss, es gibt ‘un-geoutet’ viele wie mich, und es wäre schön, wenn wir den ‘lückenlosen Mythos‘ etwas aufbrechen könnten:

– Ich war auf der Realschule – und es war eine gute Realschule -, da das nahegelegene Gymnasium damals hauptsächlich für ständigen, langfristigen Lehrerausfall ‚berühmt’ war. Habe dann danach die gymnasiale Oberstufe gemacht.
– Im Anschluss ans Abitur die Banklehre – ich finde bis heute, dass mein Kurs im 10-Finger-Blindschreiben sowie die Kenntnisse aus der kaufmännischen Ausbildung mir eigentlich jahrelang am Besten mein Einkommen gesichert haben.
Das BWL-Studium, das Mitte der 80er Jahre ja fast ‘zum guten Ton’ gehörte, habe ich nach zwei Semestern beim Jura-Repetitor in der überfüllten Uni-Mensa in Köln trotz recht guter Noten – abgebrochen …
Politikwissenschaft in Kanada musste ich dann trotz guter Noten (BA Honors, GPA 3.86, Dean’s List) und guter Motivation wegen schwerer verschleppter Hepatitis abbrechen, und 15 Jahre lang konnte ich aufgrund längerfristiger kognitiver Schädigung als Folgeerscheinung der Hepatitis keine Fachbücher lesen
Nokia (aber eben ein finnisches Unternehmen) hat mich 1997 im großen Telekommunikationsaufschwung trotzdem eingestellt (ich sage ja gern, „In Großunternehmen fallen kurze Aufmerksamkeitsspannen gar nicht auf …“), und ich habe mich da in acht Jahren, sowohl in Deutschland als auch in globaler Rolle in Helsinki, fünf Stufen höherarbeiten und mein Gehalt verdreifachen können
– Zum Master-Studium in England (Organisational Change Consulting) hat man mich zeitgleich zu meinem 40. Geburtstag auch ohne vollendeten Bachelor zugelassen, allein auf Grund von sowohl Berufs- als auch Lebenserfahrung
– Die textlich schwierigsten Bücher konnte ich auch dort nicht lesen – die hat man mir dann halt komprimiert mündlich erklärt … Abschließen konnte ich zur Überraschung meines Prüfungs-Profs trotzdem (zwar knapp, aber immerhin) nicht nur mit ‚Pass‘ oder ‚Merit‘, sondern mit Auszeichnung!
Im Ausland gibt es keine Zeugnisse, die sind dort einfach nicht üblich, also habe ich aus meinen Auslandsjahren in Kanada, Finnland und England gar keine ‚lückenlose Beweiskette‘, die ja in Deutschland immer noch viel zu wichtig ist
– Und mein Lebenslauf ist nicht geradlinig, aber ich war trotzdem, auch finanziell, sehr erfolgreich, sowohl als Angestellte bei Nokia als auch als selbständige Unternehmensberaterin später (die 100 Tage Beraterbudget für 2008 zum Thema ‚Strategie und Umsetzung von Corporate Responsibility‘ bei einem großen deutschen Energieunternehmen habe ich bekommen, nicht ein großes deutsches Beratungsunternehmen, das auch mit im Rennen war …)
– Mittlerweile (oder vielleicht auch nur derzeit) bin ich zu 50% körperlich schwerbehindert – auch so ein Tabu in der Arbeitswelt -, aber mein Kopf ist weiterhin fähig, auch wenn der Körper nicht mehr so kann, und mit flexiblem Teilzeit-Arbeitsmodell kann ich weiterhin gut beitragen – vor allem, da mir mein Krankwerden nebenbei die Zeit zu mehr Fortbildung als je zuvor gegeben hat, so dass ich (hoffentlich) wert- und wirkungsvoller als zuvor beitragen kann. Aber es brauchte den buddY E.V. in Düsseldorf als aufgeklärten Arbeitgeber, der für Chancengleichheit steht, um mir diese Möglichkeit zu geben …!

Ich selbst bin also sehr dafür, a) von lückenlosen Lebensläufen (und vor allem diesem Damokles-Schwert ‚Ohne lückenlosen Lebenslauf ist man nichts wert …‘) wegzukommen und 
b) im 21. Jahrhundert endlich auch die Chancen*gleichheit* von informellem und/oder selbstorganisiertem Lernen anzuerkennen – auch ohne dass irgendeine deutsche Institution ihren offiziellen Kontrollstempel daraufgesetzt hat.
Und der Wert von berufsbegleitenden Fortbildungen gegenüber dem, was man ursprünglich einmal gelernt hat, sollte auch nicht länger unterschätzt werden. Es ist eben heutzutage *keine* lückenlose Bildungskette!
Ein kleines Praxisbeispiel: Ja, der hochkompetente Personalvorstand des angesehenen Pharma-Unternehmens Janssen Cilag, durch dessen Arbeit das Unternehmen ganz oben unter den ‚besten Arbeitgebern Deutschlands‘ rangiert, hat studiert … Theologie

Also – hin zu: ‚Wozu ist die Person fähig?‘ (auch eine Form der Selbstwirksamkeit) statt ‚Wer darf pauschal und u.U. aus der Ferne aburteilen, was eine Person auf Grund von vorhandenen oder nicht vorhandenen gewissen Abschlüssen kann oder nicht?‘ (eine, wie ich finde, unangemessene bildungsbehördliche Fremdbestimmung/Fernkontrolle, durch die der Gesellschaft viel zu viele Talente und Fähigkeiten verloren gehen).

Auch in Personalabteilungen ist es noch viel zu häufig so, dass da Azubis oder Assistentinnen Bewerbungen von potentiellen Führungskräften nach Standardkriterien von vornherein aussortieren dürfen, wenn nur die kleinste Irregularität im Lebenslauf auftaucht – so dass die Personalverantwortlichen selbst diese Bewerbungen nicht einmal zu sehen bekommen (was man auf Nachfrage dort erfährt – z.B.: Eine Frau, die ihre zwei Masterabschlüsse, in Biochemie und IT, beide mit 1,0 abgeschlossen hat, im Gesundheitsmanagement eine Abteilung mit 40 Mitarbeitern geleitet hat und fließend Englisch und Russisch spricht, wurde so aussortiert.)

Im Gegenzug ist es erfrischend zu sehen, wenn ein ehemaliger Hauptschüler ohne zehnte Klasse, ‚nur’ mit mit Ach und Krach bestandener Handwerkerlehre und ein paar Jahren als Zeitsoldat bei der Bundeswehr, mittlerweile allein auf Grund sowohl seiner Verkaufs- als auch seiner Führungsfähigkeiten als Regionalleiter Vertrieb für digitale Konvergenzprodukte im B-2-B-Bereich 20 Mitarbeiter hat und über 10.000 Euro im Monat verdient – ‚reingerutscht’ allerdings nicht über eine offizielle Bewerbungsausschreibung, in der er sicher keine Chance gehabt hätte (und es überrascht vermutlich auch nicht, dass die Einstellung zwar hier in Deutschland, aber eben bei einem amerikanischen Konzern erfolgte …).

Dies sind wenige, mir persönlich bekannte Ausnahmebeispiele – es gibt jedoch sicherlich viele mehr. Wir bräuchten mehr öffentliche Kenntnis davon! Liebe Leser, welche Beispiele kennen Sie?

Wir brauchen in unserer deutschen Gesellschaft allgemein weniger Angst (das andere Wort für Kontrolle) und mehr Vertrauen und Offenheit (eine Sozialkompetenz) gegenüber den Fähigkeiten von Späteinsteigern, Quereinsteigern, Wiedereinsteigern nach Elternzeit, Autodidakten, Weitergebildeten, Menschen aus dem Ausland, etc. – deren (unser!) Lernen, inklusive Kompetenz, Kreativität und Innovationsfähigkeit, kommt nicht mehr eindimensional vom Dorflehrer vorn am Pult (und in einem deutschen Ort) als einziger kontrollierter/kontrollierbarer Quelle!!

Auch in Bezug auf Bildung hat Deutschland meiner Ansicht nach eine strafende Verbotskultur (“Du darfst das nicht”) und Ausschluss-Kultur (“Du gehörst nicht dazu”) – und würde dringend eine wertschätzende Kultur des Erlaubens und Ermöglichens sowie der Inklusion auch auf diesen subtileren Ebenen brauchen … auch ‘krumme’, lückenhafte Lebensläufe ‘ganz normal’ zuzulassen gehört meiner Ansicht nach zur Inklusion … Und ich merke gerade, wie ich auch da von meiner Kanada-Erfahrung geprägt bin, wo all das, wie ich meine, gesellschaftlich recht selbstverständlich ist.

Es gibt übrigens auch hier ein wirtschaftliches ‘Bottom Line’-Argument: Wenn wir kulturell zu änstlich-kontrollierend restriktiv darin sind, wen wir chancenhaft zu Macht, Status und Geld zulassen (denn auch darum geht es ja, seien wir ehrlich …), dann stehen wir der dringend benötigten volkswirtschaftlichen Entwicklung leider nur im Wege …

Für die einzelne, fähige Person ist ein erlaubendes Zulassen gleichzeitig endlich die Chance, sich aus einem sogenannten übermächtigen gesellschaftlichen ‚Über-Ich’ (Freud) oder ‚Erwartungs-Ich’ (Kuhl) zu lösen und mit eigenem ‚starkem Ich’ (Freud) oder ‚realem Selbst’ (Kuhl) frei von Scham- oder Defizitsgefühlen über eventuell nicht entsprochenen gesellschaftlichen ‚Kontrollkriterien’ sinn-, wert- und wirkungsvoll beizutragen.